Es ist ein fließender Prozess, wenn zwei Menschen so eng zusammenarbeiten, dass man sie manchmal verwechselt. Sie sagen über sich, dass das gemeinsame Arbeiten wie Liebe auf den ersten Blick war: Dörte Stadtbäumer und Michaela Tietz teilen sich eine Stelle und haben die Spiegel Akademie ins Leben gerufen, ein gemeinsames Projekt der Mobile University und des Spiegel-Verlags. Bereits mehrere Arbeitsstellen haben sie sich geteilt, haben einen ähnlichen Arbeitsethos, gehen Probleme ähnlich an und ähneln sich optisch, so dass die eine auch schon mal mit dem Namen der anderen angesprochen wird. Sie wohnen und arbeiten von Hamburg aus. Und sie leiten ein zentrales Projekt der SRH Fernhochschule mit einer Stelle, teilen sich die Aufgaben – inhaltlich und zeitlich.

So originell dies klingen mag, für die gemeinsame Arbeit ist es von Vorteil, so etwas wie austauschbar zu sein. „Wir sehen das positiv, weil sich die Menschen, mit denen wir zu tun haben, keine Gedanken darüber machen sollen, wen sie zu Organisationsfragen ansprechen“, sagt Stadtbäumer. „Wir haben auch eine gemeinsame E-Mail-Adresse,“ ergänzt Tietz. Im Alltag funktioniert das fließend, sagen sie.

Staffelstab-Übergabe: immer Mittwochs

Versucht man diesen Prozess zu beschreiben, beginnt man am besten in der Mitte der Woche. Da sind beide im Büro und bearbeiten anstehende Projekte. Am Mittwoch ist Konzeptionszeit. Dabei findet ein permanenter Austausch statt, der dafür sorgt, dass sich der Wissensstand auch über alle anderen Themen und Projekte bei der jeweils anderen aktualisiert. Montags und dienstags ist Stadtbäumer „in charge“. Mittwochs ist eine Art Staffelstab-Übergabe, donnerstags und freitags setzt Tietz die besprochenen Inhalte fort. In jener Zeit, in der eine jeweils allein im Büro ist, setzen sich beide gegenseitig in „cc“. So können sie zeitversetzt alle Prozesse mitverfolgen. Diese kollaborative Form des Jobsharings hat sich bei ihnen über die Jahre herausgebildet und bewährt. Diesen Prozess der Optimierung treiben sie, seitdem sie angefangen haben, gemeinsam zu arbeiten, immer weiter voran. Was für alle anderen erstmal ungewohnt erscheint, ist für Stadtbäumer und Tietz inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden.

„Hallo Hamburg?“ oder doch lieber „Liebe Kolleginnen“ …? Nach einer Empfehlung gefragt, wie man sie am besten kontaktieren sollte, empfehlen sie, immer beide anzusprechen, da keiner wissen kann, wer gerade ein Thema bearbeitet. Sie sind in ihrem Job eine Art Symbiose. Denn sie bevorzugen keine inhaltliche Aufteilung. Beide wissen, dass dies nicht bei allen Menschen funktioniert: Wenn zwei Personen neu als Job-Tandem anfangen, kann es sein, dass getrennte Aufgaben besser funktionieren. Das bedeutet jedoch zugleich, dass Aufgaben eben – je nach Modell – einen halben Tag, zwei oder zweieinhalb Tage liegen bleiben. „Bei uns ist es nicht so, dass wir uns am Mittwoch verabschieden und erst nächsten Mittwoch wieder voneinander hören,“ sagen sie unisono. „Was gut ist, denn wir sind beide sehr pflichtbewusst. Dann ist es schön, wenn man weiß, dass die Kollegin ansprechbar ist, um akute Entscheidungen zu treffen.“ … „Oder wenn Rat oder eine Einschätzung hilfreich ist“, ergänzt die andere.

Flexibilität ist alles

Kennengelernt haben sie sich bei einer Fernhochschule. Dort haben sie einige Jahre je Vollzeit zusammengearbeitet. Als die eine ein Kind bekam, hat die andere sie vertreten. Dann bekam die andere ihr erstes Kind, und fand in der Kollegin ihre Vertretung. So kamen sie auf die Idee, sich einen Job dauerhaft zu teilen. Seither bewarben sie sich zu zweit und haben auch interessierten Arbeitgebern immer signalisiert, dass sie nur zu zweit zu haben sind. Gerade in einer Welt, die volatiler wird, ist das ein flexibles Modell, das auch bei Initiativbewerbungen gut bei Arbeitgebern ankam.

An der Mobile University klappen sie seit 2017 den Laptop überall dort auf, wo nicht zu stark die Sonne scheint und kein Nieselregen herrscht. Anfang August ziehen sie übrigens in ein neues Hamburger Studien- und Prüfungszentrum in die Hafencity, wo sie sich wie immer mittwochs sehen werden. Die übrige Zeit arbeiten sie von zu Hause aus, was keiner ihrer Ansprechpartner merkt.

Der Umzug selbst wird aus wenigen Kartons bestehen. Sie haben die Idee des virtuellen Informations- und Wissensmanagements bereits verwirklicht. Besonders auf die Nähe zwischen Büro und neuen Seminarräumen freuen sie sich schon. „Da haben wir alles ganz eng zusammen: Wir treffen uns im Büro in den Kontorhäusern am St. Annenufer. Das ist nur 200 Meter weiter, direkt an der Grenze zu alten Speicherstadt, dort wo die Speicherböden früher waren. Dort ist auch das Spiegel-Haus, so dass wir auch hier für die Akademie kurze Wege haben.“ Die neue Adresse für die Seminarräume in der Speicherstadt klingt ganz hamburgisch: Alter Wandrahm 4.

Zwillinge im Geiste

Bei so viel Nähe fragt man sich, ob es auch einmal Probleme damit gab? Nur einmal: Bei einem Jobwechsel schien es der Personalabteilung seltsam, dass sie nur eine gemeinsame Beurteilung ausstellen sollten. „Die Menschen fühlten sich in diesem Falle verpflichtet, – der herkömmlichen Praxis geschuldet -, uns separat zu beurteilen,“ schmunzeln sie. Nicht selten werden sie mit Doppelnamen als „Frau Stadtbäumertietz“ angesprochen. Ärgern tut sie das nicht – im Gegenteil: „Wir sind Zwillinge im Geiste,“ sagt die eine und die andere lacht herzlich mit.