Zwei Professoren gewähren Einblick in ihre Forschung

Konferenzen sind neben dem Austausch mit Kollegen und Praxisvertretern über neue Erkenntnisse auch ein Reflexionsraum, um ein Thema erneut zu betrachten und zu durchdenken. Auf der vor kurzem stattgefundenen Konferenz „Vernetzte Arbeitswelt – der digitale Arbeitnehmer“ haben Prof. Dr. Anja Tausch und Prof. Dr. Manfred Mühlfelder Forschungsergebnisse zu diesem Thema vorgestellt.

Die Konferenz hatte die Arbeitswelt 4.0 zum Thema. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt dieser neuen Arbeitswelt, denn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind mehr denn je eine wichtige Unternehmensressource. Doch der Organismus der Arbeit ist in einem tiefgehenden Umbruch: Von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung, mit flacheren Hierarchien, flexibleren und mobileren Erwerbsformen. Arbeit löst sich von Präsenz. In der Konferenz wurden diese aktuelle Entwicklungen durch renommierte Praxisvertreter sowie Fachwissenschaftler thematisiert und diskutiert.

Einblick 1: Prof. Dr. Anja Tausch

Als Professorin für Empirische Sozialforschung stehen empirische Forschungsmethoden im Fokus meiner Tätigkeit. Es geht um Fragen wie: Wie werden empirische Studien geplant? Wie werden Daten erhoben? Wie werden Daten analysiert? Und wie werden die Ergebnisse anschließend nachvollziehbar und wissenschaftlich angemessen dargestellt? Welche Aussagen können überhaupt getroffen werden?

Welche Forschungsansätze gibt es?

Wir unterscheiden bei der Studienplanung grundsätzlich zwei Ansätze: Qualitative Ansätze arbeiten mit Text-, Video- oder Bildmaterial. Das Material wird hinsichtlich seiner Inhalte untersucht. Dabei steht meist das individuelle Erleben oder die Sammlung einer möglichst großen Bandbreite relevanter Aspekte im Fokus. Quantitative Ansätze arbeiten mit Zahlenmaterial. Häufig werden die analysierten Daten bei Befragungen mit Hilfe von Fragebögen gewonnen. Es werden Menschen in großen Stichproben befragt, mit dem Ziel, verallgemeinerbare Aussagen über eine Zielgruppe zu treffen. Zudem werden die Daten statistisch hinsichtlich Häufigkeit, Durchschnittswerten, Gruppenunterschieden oder (Kausal-)Zusammenhängen analysiert.

Unabhängig von der Ausrichtung können im Rahmen von empirischen Untersuchungen selbst Daten erhoben werden oder aber auch vorliegende Daten analysiert werden. Im ersten Fall spricht man von Primäranalysen, im zweiten Fall von Sekundäranalysen. Für quantitative Sekundäranalysen können Daten aus großen, teilweise über längeren Zeiträume angelegten sozialwissenschaftlichen Studien genutzt werden. Sie werden nach der Erhebung in Datenarchiven bereitgestellt und können von allen interessierten Forschern für eigene Fragestellungen genutzt werden.

Eine Sekundäranalyse zu Führung in Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und Wandel

Gerade diese Chance habe ich vor kurzem für einen Beitrag auf der Konferenz „Vernetzte Arbeitswelt – der digitale Arbeitnehmer“ genutzt. Es ging um „Führung in Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und Wandel – Führungskräfte im internationalen Vergleich“. Die verwendeten Daten stammen aus einer von der OECD initiierten, standardisierten und in 40 Ländern durchgeführten Befragung zu Kompetenzen im Erwachsenenalter. Im Rahmen des „Programme for the International Assesment of Adult Competencies (PIAAC)“ wurden pro Land etwa 5.000 zufällig ausgewählte Menschen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren computerbasiert hinsichtlich ihrer Lesekompetenz, ihrer alltagsmathematischen Kompetenz und ihrer problembasierten Lösungskompetenz getestet. Zusätzlich gab es einen standardisierten Hintergrundfragebogen mit Fragen zur Ausbildung, der beruflichen Situation sowie zu weiteren persönlichen Merkmalen. Dies ist ein einmaliger Datenschatz, den ich bereits im Rahmen der Tätigkeit bei meinem vorherigen Arbeitgeber, dem GESIS Leibniz-Institut für Sozialforschung, kennenlernen durfte.

Für den Vortrag habe ich Informationen aus dem Hintergrundfragebogen herangezogen. Im Fokus standen Führungskräfte von neun ausgewählten Ländern. Neben den Haupthandelspartnern von Deutschland – Belgien, Frankreich, Italien, Niederlande, Polen und den USA – betrachtete ich auch Japan als Repräsentant des asiatischen Raums und Schweden als nordeuropäisches Land. Es wurden die Angaben der Führungskräfte zu ihren Weiterbildungsaktivitäten, Lernaktivitäten und Lernstrategien im Berufsalltag sowie zur Nutzung digitaler Medien analysiert. Mich hat dabei die Frage interessiert, wie deutsche Führungskräfte auf die aktuellen Herausforderungen einer vernetzten Arbeitswelt vorbereitet sind. Zum einen habe ich sie mit den Führungskräften aus den anderen Ländern verglichen, zum anderen habe ich drei Altersgruppen gebildet.

Wie sind (deutsche) Führungskräfte aufgestellt?

Die Ergebnisse konnten zeigen, dass deutsche Führungskräfte im internationalen Vergleich auf relevanten Merkmalen wie Lernaktivitäten und Nutzung digitaler Medien lediglich durchschnittliche Werte zeigen. Jedoch besuchten die deutschen Führungskräfte  im Jahr vor der Befragung vergleichsweise häufig formale berufliche Weiterbildungen.

Besonders bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Über alle untersuchten Länder hinweg bilden sich Führungskräfte mit zunehmendem Alter immer weniger weiter. Das betrifft sowohl formale Weiterbildungen als auch das Lernen im beruflichen Alltag. Allerdings berichteten die älteren Führungskräfte im Vergleich zu den jüngeren davon, dass sie ein stärkeres Vertrauen in ihre Mitmenschen und weniger Angst vor Ausnutzung haben.

Jüngere Führungskräfte scheinen also hinsichtlich ihres Wissens, ihres technischen Know-Hows und hinsichtlich der Lernbereitschaft Vorteile bieten zu können. Wohingegen das stärkere soziale Vertrauen der älteren Führungskräfte könnte wiederum vor allem in Situationen – z.B. wirtschaftlichen Krisen, sensiblen Verhandlungen – vorteilhaft sein, wo Empathie und Beziehungsarbeit als besondere Kompetenz gefordert sind.

Interesse an eigenen Sekundärdatenanalysen?

Wer die PIAAC-Daten des ersten Zyklus 2012 sowie des bald folgenden Zyklus 2022 übrigens für eigene Analysen nutzen möchte, findet sie kostenfrei unter http://www.oecd.org/skills/piaac/publicdataandanalysis/. Weitere interessante Datensätze aus Sozialforschungsstudien können auch im GESIS Datenbestandskatalog ( https://dbk.gesis.org/dbksearch/?db=d) recherchiert und für eigene Fragestellungen analysiert werden. (s.a. Tausch, A. (2019). Nachhaltigkeit von Forschungsdaten. Nutzung von Sozialforschungsdaten für die Sekundäranalyse am Beispiel des Themas „nachhaltiger Konsum“. In SRH Fernhochschule (Hrsg.), Nachhaltigkeit im interdisziplinären Kontext. Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft (Weiterbildung und Forschung der SRH Fernhochschule – The Mobile University, S. 145-158). Wiesbaden: Springer Fachmedien.)

Zur Person

Prof. Dr. Anja Tausch liegt die Forschung im Blut. Seit 2016 ist sie Professorin für Empirische Sozialforschung und Diagnostik an der SRH Fernhochschule – The Mobile University. Nach ihrem Studium und der Promotion an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz führten Sie ihr Weg als Lehrbeauftragte zur SRH Hochschule Heidelberg und anschließend nach Mannheim ans GESIS Institut für Sozialwissenschaften.

Ausblick

Erfahren Sie im nächsten Beitrag mehr über die Forschungsergebnisse zur Vernetzten Arbeitswelt. Dabei untersucht Prof. Dr. Manfred Mühlfelder aus arbeitspsychologischer Sicht.