In der heutigen Zeit ist das Wort „systemisch“ allgegenwärtig. 2 Mio. Einträge können Suchmaschinen dazu finden. Systemisch kann eine beraterische und psychotherapeutische Arbeitsweise sein, eine Grundhaltung oder ein medizinisches Vorgehen. Professor Helmrich erklärt in diesem Beitrag den systemischen Ansatz und was das systemische Denken mit dem Studium an der SRH Fernhochschule zu tun hat. Prof. Dr. Helmrich ist unter anderem Studiengangsleiter des Masterstudienganges „Systemische Beratung und Coaching (M.A.)“, den er gemeinsam mit Prof. Dr. Angela Teichert verantwortet, und in dem diese Inhalte gezielt vermittelt werden, um die es in diesem Beitrag geht.

Gleich zu Beginn möchte ich die Frage beantworten: Was ist eigentlich ein systemischer Ansatz? Der systemische Ansatz ist einer von mehreren aus dem Bereich der Psychotherapie, Beratung und Coaching. Im Bereich der wissenschaftlich anerkannten Psychotherapie zählt die „Systemische Therapie“ neben der „Analytischen Psychotherapie“, der „Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie“ und der „Verhaltenstherapie“ zu den vier Richtlinienverfahren. Auch der systemische Ansatz selbst hat viele verschiedene Strömungen.

Im Blick: das Beziehungssystem und die Verhaltensweisen der Mitglieder

Grundsätzlich werden im systemischen Denken und Handeln bei der Bearbeitung von Problemen die verschiedenen Systemmitglieder des Klienten in den Blick genommen und auf seine Beziehungen, Interaktionen, Koalitionen, Erwartungen, Kontexten, Interpretationen von Verhaltensweisen etc. im System geschaut. Dabei ist der systemische Ansatz orientiert an den Ressourcen des Klienten und es wird so nach Lösungen für das beklagte Problem gesucht. Hierfür werden die Beteiligten seiner Systeme, wie z. B. Herkunfts- und Gegenwartsfamilie, Verwandtschaft und Teams, entweder direkt oder zumindest sprachlich durch zirkuläres Fragen mit einbezogen, um Muster im Handeln zu finden, dysfunktionale Kreisläufe zu entdecken und diese zu überwinden.

Der systemische Ansatz eignet sich für Familien, Teams und Organisationen

„Systemisch“ ist nicht gleichbedeutend mit „systematisch“, auch wenn der Wortstamm darauf hindeutet, dass es eine Verbindung gibt. Beim systemischen Ansatz geht es darum, den Einzelnen in seinem Beziehungssystem zu sehen und dessen Zusammenhänge zu beleuchten. Neben Familien kommen alle Arten von sozialen Systemen für diesen Coaching-, Beratungs- und Therapieansatz in Frage. So können auch Zusammenhänge beim Entstehen von Problemen, von Konflikten oder dysfunktionalen Arbeitsabläufen in Teams, zwischen zwei Unternehmen und vieles mehr analysiert und mit systemischen Techniken bearbeitet werden, sofern Mitwirkungsbereitschaft vorliegt. Hier hilft beispielsweise auch die Unterscheidung der Kliententypen nach Steve de Shazer, wie „Klagender“, „Kunde“ und „Besucher“. Grenzen im beraterischen oder therapeutischen Prozess sind also z. B. dann gegeben, wenn Klienten nicht mitarbeiten (wollen) oder verdeckte Ziele

Zwischenfrage: Kann der systemische Ansatz zu einem besseren Studium verhelfen, Professor Helmrich?

Gerade bei einem Fernstudium ist es vorteilhaft, wenn die Familienangehörigen und andere das Studium mittragen. Der oder die Studierende kann sich die Frage stellen, wie Helfersysteme erschlossen werden können, um sich z. B. auf eine Prüfung vorzubereiten oder auf Veranstaltungen zu fahren, was ja unsere Studierende auch bereits tun. Dieses Unterstützungspotenzial explizit machen, in diesen Zusammenhängen zu denken, heißt zu fragen, wo helfende Interaktionspartner sind oder wo eventuell auch Hemmnisse vorliegen und wie sich diese beheben lassen. Auch folgende Fragen können Orientierung geben: Wann waren in der Vergangenheit bereits (Studien-)Erfolge, wie konnten diese erzielt werden, was hat wer anders gemacht, wer hat von wem welche Unterstützung erhalten und liegt im jeweiligen System ein Ausgleich zwischen Geben und Nehmen (z.B. auf der Paarebene) vor, so dass die emotionalen Konten ausgeglichen sind oder künftig noch werden?

Voraussetzung für erfolgreiche systemische Beratung: die Bereitschaft mitzuwirken

Was wir wissen ist, dass der Mensch als ein polysystemisches Wesen in unterschiedlichen Gruppen und Kontexten unterwegs ist: der Familie, im Verein, in der Nachbarschaft, im Unternehmen usw. Dabei bilden sich unter anderem verschiedene Rollen, formelle und informelle Beziehungen sowie Erwartungserwartungen heraus, die sich jedoch auch im Laufe des Lebens verändern und sich nach Rahmenbedingungen und Interaktionspartner unterscheiden.

Vor allem Familienunternehmen sind diesbezüglich sehr komplex, da sie die Besonderheit aufweisen, dass eben auch die Familienangehörige darin arbeiten, die sich außerhalb des Unternehmens, zuhause oder bei Familienfesten wiederum in ganz anderen Rollen und anderem Status begegnen. Das heißt, familiäre Konflikte können in das Unternehmen und Unternehmensprobleme in die Familie hineingetragen werden. So können auch Betriebsthemen privat besprochen und entschieden werden, obwohl sich diese währenddessen z. B. im häuslichen Umfeld aufhalten. Das ist eine komplexe Verflechtung und die damit einhergehende Diffusion kann ebenfalls zu Schwierigkeiten und Konflikten führen.

Wie sind die Verhaltensweisen und Erwartungen des Klienten innerhalb seines Systems?

Hier beleuchtet die systemische Analyse die gegenwarts- und herkunftsfamiliären Beziehungen, aber auch die transgenerationale Perspektive, um zu verstehen, warum in der Familie oder auch beruflich etwas so geschieht, gesagt oder gehandelt wird, wie es ist oder zumindest den Anschein hat. Systemisch zu agieren heißt also zu schauen, wie die Interaktionsmuster und die Verhaltensweisen des Klienten und seiner Angehörigen sind, welche Erwartungen der Klient an seine Systemmitglieder hat und umgekehrt. Aber auch wie unangemessene Forderungen oder auch Missverständnisse aufgelöst werden oder durch funktionalere Interpretationen, Rahmungen und Konstrukte ersetzt werden können, so dass die beklagten Probleme, Leidenszustände etc. reduziert werden können.
Im systemischen Ansatz ist auch die Frage von Bedeutung, wozu das beklagte Problem eigentlich gut ist und welchen Nutzen es auf einer tieferen Bedeutungsebene hat. Welches sind also die impliziten und expliziten Motive? Wofür ist das beklagte Problem vielleicht ein Lösungsversuch, welcher dann aber selbst zum Problem geworden ist?

Die Technik: zirkuläre Fragen stellen und die Metaperspektive einnehmen

Dies kann sich unter anderem durch zirkuläre Fragen explorieren lassen. Dabei werden die vom Klienten vermuteten oder tatsächlichen Sichtweisen von abwesenden und anwesenden Personen exploriert und hinterfragt. Auch die Einladung an den Klienten, die Metaperspektive einzunehmen, kann hilfreich sein. Beobachtungen und Beschreibungen zweiter Ordnung werden im Rahmen der systemischen Beratung oder Psychotherapie einbezogen, um eine Multiperspektivität zu erhalten, die das Handlungsspektrum des Klienten, des Paares, der Familie oder des Teams erweitern kann.

Zwischenfrage: Und wie sieht das konkret aus, Professor Helmrich?

Hilfreich kann es in systemischen Sitzungen sein, durch eine fragende und wertschätzende Grundhaltung den Klienten anzuregen, Unterscheidungen zu treffen, die für ihn einen Unterschied zu seinem bisherigen Denken und versprachlichen herstellen, um so neue und ggf. funktionalere Denk- und Verhaltensweisen zu entwickeln, im Alltag zu erproben und, wenn sie zielführend waren, zu festigen. Lösungs- und ressourcenorientiertes Befragen kann dabei nützlich sein, dass der Klient aus seiner Problemtrance herausfindet. Inhalts-, Kontext- und Bedeutungs-Reframing können ebenfalls den Blick weitmachen. Zu berücksichtigen ist auch die Wirklichkeits- und Möglichkeitskonstruktion im praktischen Vorgehen. Es gibt insgesamt eine sehr breite Palette an analogen und digitalen Techniken, die orientiert am explorierten Anliegen und Auftrag des Klienten oder den Aufträgen Dritter, dem Kontext (z. B. Zwangskontext) und vielen weiteren Faktoren geleitet von systemischen Hypothesen eingesetzt werden können. Dies kann in systemischen Einzel-, Paar-, Familiensitzungen oder auch in Gruppen- und Teamsettings stattfinden.

Mein kurzes Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass einer der Gründe für Probleme zwischen Menschen bzw. in Systemen der fehlende Austausch über Wesentliches sowie über implizite Vorannahmen ist. Zudem werden Erwartungen mitunter nicht oder nicht hinreichend ausgetauscht, Erwartungserwartungen nicht verifiziert und es wird möglicherweise davon ausgegangen, dass die eigene Wirklichkeitskonstruktion wahr sei, ohne sie zu überprüfen und einer Korrektur durch den expliziten Austausch mit anderen (und ebenso betroffenen) Interaktionspartnern zu unterziehen. Unergiebig ist auch der klägliche Versuch, Probleme auf der Beziehungsebene über die Sachebene klären zu wollen. Auch manipulatives Verhalten kann zu zwischenmenschlichen Störungen beitragen. Zudem können beispielsweise Grund- und Vorannahmen von Menschen begrenzend wirken, so dass sie Lösungen dann nur innerhalb eines zu engen Denkrahmens suchen. Auch hier kann der systemische Ansatz mit seiner Ressourcen- und Lösungsorientierung hilfreich sein.