Bevor Angela Merkel Amtsinhaberin wurde, gab es keine Bundeskanzlerin. Ein Bundeskanzlerinnenamt gibt es bis heute nicht. Angela Merkel ist eine der wenigen Personen in unserer Welt, die beides zugleich sein kann: männlich und weiblich. Als weibliche Amtsinhaberin ist sie Kanzlerin, in ihrer Berufsbezeichnung ist sie Bundeskanzler (generisches Maskulin). Was wie eine Marotte von Sprachforschern daherkommt, ist wesentlich für die Wahrnehmung der Welt, eine Welt die sich mittels Kommunikation konstituiert. Über Sprache verständigen sich Menschen über die Welt, zeigen wie sie sie wahrnehmen und erschaffen ihre eigene, individuelle Wirklichkeit. Zu ihrer kommunikativ erschaffenen Welt zählt auch, wie sie über Menschen sprechen, schreiben, sie in Bildern darstellen und mit welcher Darstellung sie sich selbst jeweils identifizieren. Nicht weniger wichtig: die Rolle der Anderen, denn unsere Sicht auf die Welt wird ebenso von unserem Umfeld – auch dem beruflichen – wesentlich beeinflusst.

Gemeinsam haben Verwaltung und Hochschulleitung und die Gleichstellungsbeauftragte Professor Christine Schimek nun einen Leitfaden zum diskriminierungsfreien Sprachgebrauch an der SRH Fernhochschule vorgestellt. Unterstützt wurde das Vorhaben auch von der Fachgruppe Inklusion. Ziel ist es, eine diskriminierungsfreie Studien- und Arbeitsumgebung an der Hochschule zu schaffen, damit sich Studierende und Mitarbeitende ungeachtet ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft sowie der jeweiligen Genderzugehörigkeit oder anderer Möglichkeiten der Gruppen-Zuordnung an der Hochschule wohlfühlen und sich frei entfalten können. Die persönliche Freiheit als schützenswertes Gut – bei Angela Merkel ist alles klar, aber was gehört für eine Hochschule dazu? Angela Bittner-Fesseler wollte es genau wissen und fragte die Gleichstellungsbeauftragte Christine Schimek dazu.

Frau Schimek, ob mit Absicht oder unabsichtlich: Unter welchen Aspekten werden Menschen diskriminiert. Was zeigt die Erfahrung?

CS: Obwohl ich so etwas an unserer Hochschule noch nicht erlebt habe, aber stellen Sie sich vor, jemand würde Sie wegen Ihres Alters benachteiligen – Sie wären zu jung für den Leitungsposten oder zu alt für eine Weiterbildung. Oder Sie kommen nicht in ein Seminar, weil Sie eine Frau sind, oder kommen für ein spezielles Förderprogramm nicht in Frage, weil Sie ein Mann sind. Ihnen werden schlechte Noten gegeben, weil man Ihnen etwas wegen Ihrer Herkunft nicht zutraut, oder man schließt Sie wegen Ihrer Religion, Ihrer Ethnie, Ihrer sexuellen Orientierung oder einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung aus. Eigentlich muss ich sagen: Alle menschlichen Eigenschaften und Identifikationsmerkmale können, wenn sie zu stark gewichtet werden, andere einschränken oder ausgrenzen oder als Verhinderungs- bzw. Diskriminierungsgrund herangezogen werden. Wenn man das vorhat.

Das macht es jetzt aber nicht einfacher, Diskriminierung zu erkennen!

CS: Genau. Das fängt ja im Prinzip schon bei Gruppenzugehörigkeiten an und kann da ein bestimmter Kleidungsstil sein, der einen als Mitglied der In- oder Out-Group klassifiziert. Alles kann ein Grund sein, dass sich eine Gruppe von Menschen unter einer anderen Gruppe von Menschen eingeordnet also untergeordnet fühlt. Dabei kann es jeden treffen …

Wie kann man einen so derartig wichtigen, aber auch allgemeingültigen Anspruch an den Umgang der Menschen untereinander überhaupt zu Papier bringen, so dass es „funktioniert“?

CS: Es gibt zwar Vorbilder wie, nur als ein Beispiel unter vielen die Initiative „Gender und Diversity“ der Stadt Freiburg, dennoch gibt es bis heute noch kein allgemeingültiges Vorgehen in dieser komplexen Thematik. Daher ist nicht einfach, hier korrekt zu agieren, das sehe ich auch so. Sich hier zu verständigen und seine Handlungen und den eigenen Sprachgebrauch immer wieder an den eigenen Ansprüchen zu messen, hat etwas damit zu tun, wie wir sein wollen als Hochschule, wie wir miteinander umgehen und reden wollen.

Ist ein digitales Studium an sich dann nicht automatisch gendergerecht oder sogar diskriminierungsfrei?

C.S.: Das stimmt, als Mobile University haben wir hier eindeutige Vorteile. Aus Gründen der Selbstorganisation unserer Studierenden haben wir eine hohe Diskriminierungsferne, da sie viele Prozesse selbst gestalten, wir hier also gar keine bewussten oder unbewussten diskriminierenden Bedingungen oder Vorgaben machen können – was wir natürlich auch nicht wollen! Zudem sind wir nicht ihr direktes, sondern eher ein virtuelles Umfeld. Außerdem sind auch Gelegenheiten für diskriminierendes Verhalten unter Studierenden seltener.

Keine schrägen Blicke?

CS: Nein, das fällt aus, wenn man sich nicht sieht oder von Angesicht zu Angesicht kennt. Die digitale Kommunikation hat noch weitere Vorteile – das haben Studien gezeigt: Dass sich beispielweise schüchterne Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigungen in der digitalen Kommunikation wohler fühlen können. Sie müssen sich im Fernstudium nicht exponieren und sind dennoch gleichberechtigte Studierende in den Virtuellen Vorlesungen bzw. Gruppen. Man kann ganze Bereiche der Persönlichkeit bewusst nicht zeigen bzw. sie spielen keine Rolle

Christine Schimek zur eigenen Einstellung: „Ich halte für sehr wesentlich, dass man diskriminierungsarmes oder freies Verhalten nur einüben kann. Das fängt damit an, dass man sich selbst beobachtet und verändert. Wir sind Produkte unserer Herkunft – wir bringen Klischees – Gedankenbilder – und Vorurteile von Hause aus mit. Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr Details fallen einem an sich selbst auf.“

Und wie sieht die Unterstützung an der Hochschule, wenn jemand die brauchen sollte, aus?

C.S.: Lassen Sie mich ein paar konkrete Hilfestellungen aufzählen, dann kann man sich das besser vorstellen:
• Wir unterstützen Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche. Sie haben im Fernstudium wegen der individuellen Studienplanung mehr Zeit und unsere Betreuung findet auf verschiedensten Ebenen statt. Für Klausuren besteht zudem die Möglichkeit auch hier über einen Antrag zum Nachteilsausgleich mehr Bearbeitungszeit eingeräumt zu bekommen.
• Menschen mit Beeinträchtigungen haben den Vorteil, dass es sehr wenig verpflichtende Studiengestaltung gibt. Zum Beispiel können sich Menschen mit Sehschwäche Texte und Vorlesungsunterlagen groß auf den Bildschirm ziehen oder sich über Webtools vorlesen lassen. Studienbriefe können ebenso in Audiodateien umgewandelt werden. Klar: Abbildungen sind noch nicht Barriere-frei, daran arbeiten wir. Für Klausuren ist das Verfahren auch noch nicht optimal, aber wir sind im Gespräch und in Absprache mit einschlägigen Verbänden und arbeiten daran.
• Viel Betreuungsarbeit findet auch am Telefönhörer und per E-Mail statt. Bei uns muss ja niemand irgendwo hinkommen, um Unterstützung zu erhalten.

Christine Schimek dazu, was ein diskriminierungsfreier Sprachgebrauch in unserer Gesellschaft erreichen kann: „Wir können unsere Sprache ändern. Das geht aber nur schrittweise. Wenn sich meine Sprache verändert, verändere ich auch mein Verhalten. Dann kann ich auch mein Handeln verändern. So kann ich im Endeffekt die Gesellschaft verändern: über meine Einstellung, meine Haltung zu den Dingen und durch mein Handeln.“

Und das hat bei Ihnen funktioniert?

Wenn ich an einen Rettungssanitäter denke, sehe ich einen Mann vor mir, ebenso bei Bergrettern. Neu ist eine Umschreibung wie Mitarbeitende beim Rettungsdienst – da sehe ich eine Gruppe aus Männern und Frauen vor mir. Ebenso bei Polizeikräften und Feuerwehrleuten. Das waren mal Polizisten und Feuerwehrmänner, dabei gibt es viele junge Frauen, die heute dabei sind.
Noch ein Aspekt: Aktuell sehen und hören wir unglaublich viele wissenschaftliche Experten, also Männer, und in der Tat treten überproportional häufig Männer vor das Mikro. Dabei gibt es genügend qualifizierte und kompetente Frauen. Die sagen aber oft, dass sie für Talkshows und Expertenrunden gerade vor lauter Arbeit keine Zeit haben. Wenn wir hier schon so weit wären, dass die Ankündigungen immer mit dem sprachlichen Ausdruck „Expertinnen und Experten – oder beispielweise Expert*innen, arbeiten würden, würde der Gesellschaft dies vielleicht eher bewusst! Das könnte ein weiterer Schritt zur echten Gleichbehandlung werden. So ähnlich funktioniert das nicht nur mit Gender-Diskriminierung, sondern mit allen anderen Diskriminierungsansätzen auch.

Und was ist Ihr persönliches Ziel als Professorin, die sich um dieses Thema an der Hochschule kümmert?

C.S.: Das man sich um die Thematik nicht mehr kümmern müsste…